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Freitag, 11. Juli 2014

Psychologische Effekte von Östrogenen


Hallo Leute :)

Heute mal ein Thema, dass ohnehin kontrovers diskutiert wird. Viele werden sagen, dass ich Schwachsinn schreibe, Andere, dass sie ähnliches beobachtet haben und wieder Andere, dass bei Ihnen was Anderes passiert ist.

Tatsachen sind nunmal, dass die Psyche nicht alleine von Sexualhormonen beeinflusst wird, zwei Leute sogut wie niemals das gleiche Hormonprofil im Bezug auf die verschiedenen Sexualhormone
(Testosteron, Progesteron, Östrogen sowie die weniger aktiven Metaboliten die dennoch die Rezeptoren besetzen)  haben und sowieso jeder Mensch aufgrund seiner Genetik anders auf Botenstoffe reagiert. Die hier dargestellten psychologischen Effekte von Östrogenen sind also subjektiv und es wird sehr viele Menschen geben, die Anderes erleben.

Dennoch ist es angesichts meines Termines bei der amtsärztlichen Psychologin/Psychiaterin ein Thema über das ich momentan wieder einmal nachdenke und das Fazit möchte ich gerne mit Euch teilen.


Nach nun mehr als 20 Monaten Hormonen ist mir klar, dass Östrogene nicht nur die aktuelle Stimmung beeinflussen, sondern auch in besonderer Weise durch langfristige Einwirkung das Denken verändern.

Natürlich ist es schwer auszumachen, welche psychologischen Veränderungen sich durch die Veränderungen des Lebens an sich und welche sich durch die Veränderung der Botenstoffe ergeben, dennoch versuche ich einmal herauszustellen, was sich meiner Meinung nach durch die Hormone geändert hat.

~Wegfall von Testosteron~

-Auflösung des "Egoschildes"
-Reduzierung des Selbstdarstellungsdranges
-Reduzierung des Sexualtriebs (insbesondere des Zwanges, sexuell motiviert zu denken durch die sehr viel niedrigere Erregbarkeitsschwelle mit Testosteron)

~Durch Östrogen selbst~

-Das Handeln und Reden wird weniger von Nachdenken als von der Stimmung diktiert, was (oft aber natürlich nicht immer) sehr angenehm und enthemmend ist
-Stimmungswechsel treten wesentlich aprupter ein
-Generell sehr viel stärkeres emotionales Innenleben (Emotionen in alle Richtungen sind sehr viel extremer)
-Bedeutende Veränderung sexueller Phantasien
-Ungeduld
-Bedeutend gewachsene Rücksicht auf die Denkensweise anderer Menschen



Dinge wie starke Fixierung auf meinen Körper und Depressionen aufgrunddessen sowie eine Neigung, häufiger mal zurückhaltend zu sein, sehe ich hingegen eher mit meiner Transsexualität assoziiert, da ich durch meinen Körper natürlich psychisch (noch immer) sehr belastet bin.

Da ich mich durch meinen Körper oft schlecht fühle, neige ich auch dazu, sogut wie alle Probleme in meinem Leben irgendwie auf meinen Körper zurückzuführen. Hierdurch entsteht eine starke Neigung einen optischen Idealzustand herbeiführen zu wollen, was von meiner Umwelt oft als Wunsch nach einem unnötig großem Ausmaß an operativer Veränderung wahrgenommen wird.

Hingegen sind viele Menschen mit denen ich intensiven Kontakt habe davon abgekommen, mir Operationen ausreden zu wollen und sind stattdessen, vermutlich aus einer Mischung von Resignation (weil man mir nichts ausreden kann) und Einsicht der Notwendigkeit für mich selbst dazu übergegangen, mich eher bei meinen OP-Plänen zu unterstützen. Das ist auch notwendig, weil ich nur von solchen Menschen Feedback bekommen kann, dass mir hilft, Prioritäten zu setzen.

Extrem unsicher macht es mich hingegen, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen um meine Stimmung nicht runterzuziehen/ mich nicht zu verletzen, mir beschönigendes Feedback geben. Wenn ich dieses Gefühl habe.

So, denke das reicht für heute, ich muss ja auch in 10 Minuten los^^

Bis bald :)
Eure Nina <3


Kommentare:

  1. Nach meiner GaOP bemerke ich sofort Effekte. Aggressivität ist weg, Stimmungen intensiver....
    Estradiol hat auch unzweifelhaft psychische Wirkung. Ich bin gespannt wie es jetzt nach der GaOP wirkt. Muss leider noch ein paar Tage pausieren.

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    1. Frage mal nebenbei... Wo hattest du denn die OP?

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  2. Hey Nina!
    Danke für deinen so reflektierten und ehrlichen Beitrag!
    Ich bin eine Woche älter als du und nehme noch nicht so lange die Hormone ein (ca. 10 Monate, mit einer einmonatigen Unterbrechung) aber habe bisher weitgehend die gleichen Beobachtungen gemacht. Ob das aber wirklich alles allein durch die Hormone kommt, ich weiß nicht. Im Prinzip ist es ja auch egal, es ist so oder so auf jeden Fall besser durch sie. Man sollte sich aber trotzdem nicht zu viel von ihnen versprechen und sich bewusst sein, dass sich die meisten Effekte hauptsächlich erst auf lange Sicht stärker auswirken. Obwohl ich mich noch genau erinnere als ich meine erste Pille geschluckt habe, hab ich schon nach ein paar Stunden eine Veränderung bemerkt.^^
    Wünsch dir weiter alles Gute für deinen Weg! :)

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  3. "Bedeutende Veränderung sexueller Phantasien" - wie kann man sich das vorstellen? Klingt spannend. Wenn es nicht zu intim ist, könntest du kurz schildern, wie das zu verstehen ist? Danke, Lucia

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  4. LOL... ". Im Reagenzglas treiben große Mengen Testosteron Nervenzellen nach wenigen Stunden in den Selbstmord. Auf natürlichem Wege ist das selbstverständlich nicht möglich. Für Männer, die sich mit Anabolika dopen, legen wir aber nicht unsere Hand ins Feuer."

    http://www.menshealth.de/testosteron-als-nervennahrung.69050.htm

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  5. Liebe Nina,

    bei alledem darfst du nicht vergessen dass das auch von persönlichkeitsprofilen (psychologisch und physiologisch) abhängt. Wer diesen Effekt negiert ist schlichtweg ein bisschen unreflektiert, aber es mag natürlich Menschen geben die keine änderungen spüren.

    nach meinen Untersuchungen sieht es wie folgt aus:
    a) transidentität ist bei jedem Menschen etwas anders gelagert (deine kurzzusammenfassung dazu ist richtig und gut, aber nicht jede Variation (zB Harry Benjamin Syndr) mag bei jedem transidenten Menschen vorliegen. Daher ist der Effekt der Hormone auch bei jedem anders.
    b) sind auch bei cis-Frauen erhebliche Variationen anzutreffen. Beispielsweise die Anzahl der vorhandenen Östrogenrezeptoren.

    Daraus erklärt sich auch warum manche Menschen wenig und manche viele veränderungen durch die HRT spüren:
    a) eigener grad der selbstreflektion und damit auch intelligenz sind entscheident das man überhaupt änderungen merkt (wenn sie denn da sind!)
    b) manche Menschen weisen eine höhere übereinstimmung mit weibl merkmalen (hirnphysiologisch, endrokrin, ..) auf als andere, daraus ergibt sich das die gefühlten änderungen entweder kleiner oder größer sind
    c) vorher gelebte realität (betrieb man überkompensation? stand man dennoch zu sich selbst? wie viel weiblichkeit ließ man vorher schon zu? gerade letzteres ist bestimmt psychologisch stark von bedeutung)

    Also nicht falsch verstehen: intelligenz & selbstreflektion sind sicherlich faktoren, aber das heißt keinesfalls das Menschen die keine änderungen bemerken dümmer sein müssen als die, die änderungen an sich feststellen.


    Ich hatte Pre-HRT bereits einen Östrowert der weit über Norm für Männer lag (und FTI war sehr niedrig). Möglicherweise erklärt sich daraus mein pre-HRT verhalten, was bereits sehr weiblich war. Aber vielleicht auch weil ich mit mir selbst sexuell gesehen so garnix anfangen konnte. Hier meine beobachteten Änderungen:

    - weniger sexualtrieb (zwang!), dafür mehr freude am Sex. Bedeutung: im Schnitt keine signifikante Veränderung der Frequenz (aber zeitweilig mal 2 Wochen ohne, wäre vorher undenkbar gewesen!)
    - nach wie vor gleiche Selbstüberzeugung, stärke. Selbstdarstellungsdrang hatte ich so in der Form nie das ich es so hätte nennen wollen.

    - stark gesteigerter Antrieb!
    - positiveres Selbstgefühl
    - ggf. pubertätsbedingt extrem schnelles reden
    - gesteigerte aggressivität durch mehr gefühle+antrieb
    gefühlswelt: es ist wie als ob ein grauer schleier verschwunden sei und die farben nun leuchten wie sie leuchten sollten. Das ist zeitweilig auch recht verwirrend
    Insgesamt würde mich aber niemand als aggressiv beschreiben. Viele nennen mich seit der HRT eher "Prinzessin". ;)

    Und was mich sehr verwunderte: stark veränderte Gestik. Ich gestikuliere fortwährend total feminin umher. Wobei ich so ein Genderverhalten eigentlich immer abgelehnt habe.

    Und klar: obwohl ich seit jahren in der weibl. Genderrolle lebe und sich alleine dadurch schon meine sexuelle Phantasie verändert hat (endlich spaß am sex!) ist das ganze durch die Östrogene nochmal stark angestubst worden.

    Desweiteren gesteigertes Nähebedürfnis: ich war vorher schon total verkuschelt. Jetzt kriege ich garnicht mehr genug davon.

    "Ungeduld" könnte ebenso bei mir zutreffen.


    Ich schreibe meine Änderungen hier aus einem Grund:
    Ich negierte zuvor nicht nur meine sexualität und geschlechtstypische variationen in denk und verhaltensweise (ich denke nach wie vor das die eher klein sind - wenn man die summe des ganzen betrachtet natürlich!), ich negierte auch den einfluss der hormone auf unseren körper.
    Meine Pillekes zeigten mir deutlichst das ich vorher absolut falsch lag. Gut, wa? :)

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