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Montag, 17. Dezember 2012

Ist das Passing eigentlich so wichtig? Zu Besuch in Essen

Auch wenn ich eigentlich das Gefühl habe, dass mein Passing meist doch ganz gut ist, gibt es natürlich immer Situationen, in denen ich daran zweifele. So war ich gestern in Essen zu Besuch bei Jasmin, die im kommendem Jahr ihren Weg als Transmann gehen möchte.


Nachdem ich von der Stadt zunächst deutlich positiv überrascht war - ich hatte eine Industriestadt erwartet und fand eine moderne und offensichtlich shoppinggeignete Großstadt vor - kann ich Essen leider doch nicht positiv im Gedächtnis behalten. Das liegt ganz eindeutig an den Menschen, die in Essen wohnen.

Natürlich zog ich Blicke auf mich und mir war klar, dass ein paar Leute auch bemerkten, dass ich Trans bin. Als wir Glühwein tranken beispielsweise, starrte mich ein Mitvierziger einige Zeit lang an. Das macht mir aber nichts mehr aus, denn ich weiß inzwischen, dass das halt vorkommt. Auch wenns natürlich nicht toll ist.

Was aber dann folgte ist bisher einmalig und wirft im Vergleich mit Köln, Bonn und Münster ein furchtbar schlechtes Licht auf Essen: Beim Betreten des Einkaufszentrums rief ein türkischer Jugendlicher 'Iiiiih', auf der Rolltreppe der U-Bahn schrie eine seiner potentiellen Glaubensschwestern 'Eeeey das ist ein Junge' woraufhin mich natürlich alle Augen anstarrten. Als wir die Straßenbahn betraten und uns auf der gegenüberliegenden Seite an die Tür stellten, ging die Frau die auch dort stand weg. Da musste ich einfach furchtbar lachen. Nicht so lustig fand ich es, dass ich zum Beispiel an der Straßenbahnhaltestelle ziemliche Angst vor den türkischen Mitbürgern hatte, die mir böse Blicke zuwarfen. Jasmin bestätigte, dass Essen wohl keine allzu tolle und liebenswerte Stadt ist und einen sehr hohen Ausländeranteil hat.

Eigentlich habe ich ja nichts gegen Ausländer: Ein Chinese, Ein Russe, eine Türkin, ein Grieche.... Alle Nationalitäten hatte ich schonmal in meinem Freundeskreis gehabt. Auch in Köln gibt es natürlich große ethnische Minderheiten, nicht umsonst gibt es hier ja eine Moschee. Und so sollte man meinen, dass mir das nichts ausmachen dürfte. Aber in Essen war mir nicht sehr wohl dabei und ich war auch sehr froh, dass Jasmin mich auf dem Rückweg zum Bahnhof begleitete.

Naja, kommen wir aber nochmal auf den gestrigen Tag zurück:

Am Bahnhof wartete sie auf mich. Als ich sie dann gefunden hatte, gingen wir zu Fuß los, der Weg zu ihrer Wohnung führte uns direkt durch die Innenstadt. Das verkaufsoffener Sonntag war, hätte mich fast in die Geschäfte laufen lassen, doch ich habe mich dann doch beherrscht ;) Einen Zwischenstop beim Glühweinstand haben wir dann aber doch eingelegt. Glühwein mit Amaretto :)


Leider ist sie sehr introvertiert, was ich vorher aufgrund der Chats die wir hatten nicht vermutet hatte. Viel Konversation gab es also nicht. Trotzdem war es eigentlich ganz schön den Nachmittag mit ihr zu verbringen, als wir in ihrem lilastichigem Fernseher die DVD von Was Mädchen wollen (Neu: Meine Filmtipps) schauten, während die verschmusten aber aufgedrehten Katzen Unsinn machten :) Wir unterhielten uns dann noch über ihre Pläne und sie brachte mich noch zum Bahnhof.

Heute war ein anstrengender Tag: 7 1/2 Stunden war ich bei Rewe beschäftigt, mit verräumen, packen, vorziehen und Papierpressen. Ich könnte mir sicher schönere Beschäftigungen vorstellen ;) Dennoch war es Alles in Allem okay, nur habe ich gemerkt das ich mit jetzt nur noch 5mg Citalopram weniger Antrieb habe als vorher. Beim Nachdenken fiel mir aber auf, dass es mir aber inzwischen nur noch wenig ausmacht, wenn mein Passing mal versagt. Ich weiß, dass es noch öfter vorkommen wird und es ist okay, denn ich weiß, es wird immer besser werden. :) Und so machte es mir auch nichts aus als ich heute nach der Arbeit bei Burger King wieder die Kassierin vom letzten Mal am Drive in hatte - und diesmal war sie, eigentlich Drive-in-untypisch, tatsächlich freundlich.

Morgen früh wollte ich zum Arzt und Blut abgeben, dann soll auch das erste Hormonprofil erstellt werden :) Ich freu mich drauf!

Bis bald :)
Eure Nina <3


||Nachtrag: Habe mich grae mal über Essen kundig gemacht... jetzt wundert mich nichts mehr: Ciao - Bericht||

Kommentare:

  1. Hallo Nina! :-) Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, seit wann Du im Alltagstest bist und HRT hast - aber ich habe am Anfang auch alles erlebt: von Leuten, die sich in der U-Bahn umsetzen und tuscheln "Willste mal ne Transe sehen?", ueber Gelaechter von Jugendlichen bis hin zu Unsicherheiten "Ist das ein Mann oder eine Frau?...wir koennen ja mal fragen!..." Du hast recht - es wird besser, auch wenn meine 1,87 m mir sehr zu schaffen und mich traurig machen. Kinder sind uebrigens sehr viel aufmerksamer als Erwachsene, weil sie die Welt noch kennenlernen wollen - die Erwachsenen bemerken es manchmal nicht, wenn ihre Kinder schon durchschaut haben, dass man trans ist. Naja - freue mich auf Antwort/weitere Posts! LG Leonie

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    1. Hallo Leonie! :)

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Mit den Kindern hast du auf jeden Fall Recht, mir ist auch schon aufgefallen das die schnell mal sehr interessiert gucken ;)

      1,87m ist in der Tat eine ordentliche Größe und damit wirst du es sicher nicht leicht (gehabt) haben. Ich bin dankbar dafür, nur 1,78m groß zu sein!

      Ich bin übrigns seit nun anderthalb Monaten Vollzeit im Alltagstest und Hormone laufen schon knapp länger. Ich bin froh, dass ich zumindest hier in Münster, noch keine wirklichen Negativerfahrungen machen musste. Am Sonntag in Essen war wirklich sehr extrem, was da los war... Vielleicht lags an meiner Perücke die leider langsam den Geist aufgibt... Naja, wird halt die nächste getragen :P Und hab auch Mütze + Glätteisen bestellt, mal gucken ob ich mit den noch zu kurzen Haaren (Ende Mai / Anfang Juni sehr kurz...) was alltagstaugliches hinbekomme...

      Liebe Grüße :*
      Nina <3

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  2. Ich sehe die Prolls eher als Prüfstein. Gehst du da durch und wirst nicht dumm angemacht,hast es geschafft

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    1. jo, ansonsten versucht man es nach dem Krankenhaus-Aufenthalt einfach nochmal. ^^
      Aber richtig ist auf jeden Fall: Selbstsicherheit strahlt aus, ob man will oder nicht. Und wenn man die hat, reduziert sich die Gefahr angemacht zu werden auf ein Bruchteil.

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    2. Ach die Prolls sind bestenfalls Stufe 3.

      Schon kritischer sind Gruppen pubertierender Mädels. ;)

      Die Königsklasse finde ich nach wie vor kleinere Kinder, wenn die nichts mehr merken dann hast du dir das TS-Outdoor-Zertifikat ehrlich verdient. Kinder können auch absolut süss fragen und denken sich da nicht mal was Böses bei.

      LG Corinna ;)

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  3. Hallo Nina,

    es tut mir leid, dass Dir meine Heimatstadt so negativ aufgefallen ist, aber im großen und ganzen läßt es sich hier auch als TS schon leben ... wenn mann bestimmte Stadtteile konsequent meidet.^^

    Aber ich gebe Dir recht, eine Perle des Ruhrgebiets wird aus dem Stadtzentrum nebst den nördlich gelegenen Stadtteilen so schnell nicht werden.

    Allerdings muss ich auch eine Lanze für meine urbanen Nachbarn brechen: Die Unsicherheit der Leute bezüglich des Geschlechts mit dem obligatorischen "...können wir ja mal fragen" passiert tatsächlich und zumindest DARAUF bin ich sogar ein wenig Stolz:

    Da es im allgemeinen eigentlich die meisten so halten, dass nicht gefragt, sondern eher (vor)verurteilt wird finde ich es schon ziemlich cool in einer großen Stadt zu wohnen, in der die Leute lieber fragen, bevor geurteilt wird. Ausnahmen gibts natürlich immer, aber Großstädter gehen mit dem Thema eindeutig entspannter um als andere.

    Wenn ich in die Stadt gehe, outet mich mein Körper leider auch allzu oft, aber ganz im ernst? - Ich lächele die Leute einfach an , zucke mit den Schultern und lache mit. Solange sich an meinem äußeren nix tut, sehe ich für nichtbetroffene halt aus wie eine Witzfigur, aber ich wage zu behaupten: auch das wird sich im Laufe der Zeit ändern.

    Lass Dich also von sowas nicht runterziehen ;)

    Diana

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  4. Hallo Nina,
    zu Essen hätte ich dir auch schon ein bissl was erzählen können. Wohnte viele Jahre nicht weit weg von Essen und bin daher auch öfter da gewesen. Deine Erfahrungen dort wundern mich nicht besonders. Suche aber nicht Fehler an dir, ich bin sicher, die sind eher an den "Mitmenschen" denen du dort begegnet bist zu suchen. Dass man als Transfrau, besonders wenn man noch nicht so viel des Transition-Weges beschritten hat, immer mal wieder durchschaut wird, ist doch klar. Aber es kommt eben darauf an, wie man damit umgeht. Ich habe den von dir verklinkten Bericht über Essen gelesen und mich wundert auch da nichts. Ausserdem finde ich die Stadt selber auch nicht sonderlich attraktiv.
    Gar nicht so weit von da weg liegt Oberhausen, übrigens meine Geburtsstadt, und da gibts das Centr-O. Das CentrO könnte durchaus mal einen Besuch wert sein. Wie die Leute da auf dich reagieren kann ich schwer sagen, aber ich wäre sehr interssiert, das zu erfahren. Also, wenn ich im nächsten Jahr mal meine Mama in Oberhausen besuche, werde ich dir bescheid geben. Vielleicht können wir dann das Centr-O mal zusammen "abchecken". Dann wären wir uns mal begegnet, bevor wir zum Weihnachtsmarkt gehen. ^^
    LG
    Julia

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  5. Auch wenn der Beitrag schon uralt ist, möchte ich doch eine Lanze für das Ruhrgebiet brechen. Ich wohne in Gelsenkirchen, also direkt neben Essen und bin auch in Essen und anderswo unterwegs und habe nur sehr wenige Probleme in einem Rahmen wie ich es für (leider) "normal" halten würde. Und ich sehe nun wahrlich bislang nicht so weiblich aus.

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